"Der Zug fährt ab"


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"Der Zug fährt ab"

Artikel-Nr.: 1011
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Der erste Teil meines zweiteiligen Romans "Die Schließbarkeit des Kreises oder die zweihundertjährige Reise".

Der Roman erzählt die sich vor dem Hintergrund der Ungeremheiten des XX. Jahrhunderts entwickelte Geschichte der letzten Nachkommen einer deutschen Kolonistenfamilie, die 1804 aus dem Herzogtum Württemberg in die wilden Ursteppen Taurien im Süden des russischen Zarenreichs ausgewandert war. Die letzte Familie nimmt 1990 den Zug nach Deutschland und schließt damit den anfangs so gloreichen und am Ende so vernichtend-brutalen Kreislauf der knapp zweihundertjährigen von der Weltereignissen geprägten und getriebenen Odyssee.

Zwischen sentimental-poetischen Gefühlen und realistisch-analytischen Gedanken erlaubt uns das Buch einen bemerkenswerten Einblick in das Schicksal nicht nur der Deutschen in der UdSSR sondern auch in Deutschland in der Nachkriegszeit.

Einige Leseproben:

"Richtig!" - schrie fast der junge KGB-Mann begeistert und vertrauensvoll - "Weil ich gehört habe, dass Sie nach Deutschland in den Urlaub fahren. Wie kamen Sie zu der Ehre?". "Ach, das ist eine lange Geschichte...". "Macht nichts. Erzählen Sie nur. Nehmen Sie sich Zeit. Ich habe sie mir auch genommen."

"***

Ein Riesenteil des Volkes... war einfach schon längst versoffen und glaubte - ebenfalls zu Recht - an nichts mehr, außer an Wodka. Ihr Motto war: "Es gibt nichts Schlechtes - es gibt nur zu wenig Wodka." Die rettende Seite dieser Philosophie wurde vom gottlosen Volk fast zu seiner neuen Religion gemacht. Schließlich brachte eben diese Religion den Kommunismus - samt all seiner Dogmen - zum Ertrinken. Der seit langer Zeit erste einigermaßen kluge Kommunist - der Anführer der Perestrojka - erkannte die Gefahr sofort und versuchte, den Alkohol - also den Wodka - abzuschaffen. Die Weinberge im Süden, die eigentlich mit Wodka, besonders in Sibirien, wenig zu tun hatten, wurden gnadenlos vernichtet. Die Getränkeläden wurden bis auf einen einzigen pro eine ganze Stadt oder einen Kreis reduziert... Durch diesen prohibitiven Aktionismus in seinem Versuch, das russische Volk trocken zu legen, verlor der Perestrojkaanführer von Anfang an die Unterst?tzung der überwiegenden Mehrheit des Volkes

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Und der Vater verstand plötzlich, dass er auf seiner Flucht über die Grenze dieses Landes nie über seine Schulter spucken werde. Zu viele Freunde, zu viele seiner Gefühle und unerfüllte Träume, zu viele verlorene Jahre und Kräfte, zu viele seiner Spuren und zu viele Gräber blieben zurück und werden weiter bleiben und verdienen es, von keinem angespuckt zu werden.

***

Der Vater wollte und musste jetzt diesen durch die historischen Ungereimtheiten und durch private Zufälle zerrissenen Kreislauf der Geschichte wieder schließen. Genug ist genug! Knapp zweihundert Jahre sind seitdem vergangen; zwei neue Deutsche Reiche inzwischen entstanden, jedes hatte seinen Mist gebaut und war dadurch abgelebt; zwei neue, die neuen sowie die alten Reiche vernichtende Revolutionen sowie zwei neue Kriege zwischen Russland und Deutschland hatten ihres getan, bis er zurück ist.

***

Deutschland, das selbst als erneut vereinigtes Deutschland gerade erst geboren wird - ist nicht mehr das Deutschland, das er kannte. Eine lange, viel zu lange Reise. Er kehrt sehr alt und sehr müde heim, aber auch - wie jeder Mensch nach jeder seiner Reisen - erleichtert, dass auch diese nun zu Ende ging.

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Die tausendjährigen Reiche verschwinden blitzschnell und spurlos von der Erdfläche. Die großen wie auch die kleinen Führer kommen und gehen, einander samt unzähliger Millionen Menschen als Beilage auffressend. Die verheerenden Kriege enden und beginnen sofort wieder, heiß oder kalt serviert. Und alles vergeht...

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